Geistermeer – Mustafas Geschichte… und viele mehr

Mustafa, 13, Flüchtlingskind aus Syrien. Jetzt auf Lesbos, Griechenland. Er hat überlebt auf dem „Geistermeer“. Er ist nicht „nur einer von Tausenden“. Er hat eine Geschichte und einen Namen. Ein Gesicht. Eine Stimme. Ein Leben. Er ist nicht unsichtbar. Nicht ertrunken. Höre seine Geschichte im Film von UNICEF:

Dreißigmal mehr Tote im Mittelmeer im Jahr 2015. Dreißigmal mehr als im Jahr zuvor. Dreißigmal mehr Träume. Dreißigmal mehr Verzweiflung, Hoffnung. Dreißigmal mehr Schmerz und Kraft auf dem Weg in eine neue Zukunft: Versunken, auf dem Meeresgrund. Ein Massengrab. Ein Geistermeer. Das gleiche Meer, in dem unsere Kinder schwimmen, lachen, spielen – Sommerurlaub machen. Das Wasser, in dem ich mit meiner Tochter schwamm – an dessen Strand sie Sandburgen baute: Dieses Wasser hat so viele Menschen begraben. Fast zweitausend – in diesem Jahr. Männer und Frauen. Und viele Kinder. Kinder, die nicht mehr lachen werden. Die Wellen erzählen ihre Geschichte. Und wir hören sie nicht. Wir hören sie nicht! Unsichtbar sind sie. Untergegangen. Das Meer ist still. Doch die Stille ist tödlich.

Es ist Zeit, ihre Geschichten zu hören. Sie haben diesen Respekt verdient. Die Bilder  von toten Kindern, die am Strand angespült werden, sind die Geister, die wir riefen. Nicht wir als Person. Wir als die Welt, die zulässt, dass es täglich geschieht. Mein geschätzter Journalisten-Kollege Karim El-Gawhary hat das Bild eines solchen Kindes auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Und er hat einen bewegenden Grund gefunden, dieses dort zu zeigen – das Gesicht anonymisiert:

„Dieses und ähnliche Fotos von angeschwemmten Kindern, hatte ich seit Tagen auf meiner Timeline. Ich hatte lange überlegt, ob ich sie weiterposte. Sie nicht zu posten hat mir ebenso viel Unbehagen bereitet, wie sie zu posten. Ja, das Bild ist pietät- und geschmacklos, aber unsere Zeiten sind es auch. Vielleicht hat es auch etwas unehrliches, eine Politik nicht zu ändern, die zu diesen Tragödien führt, aber dann sich auf die Ethik und Moral zu berufen, mit dem Aufruf solche Bilder nicht zu veröffentlichen. Der letzte Satz gilt nicht für die wachsende Zahl von Menschen, die diese Politik verändern wollen. Aber auch die müssen sich fragen lassen, ob ein solches erschreckendes Bild nicht auch dazu beitragen kann, etwas zu verändern.

Einige haben geschrieben, ob ich wollte, dass ein Bild meiner Kinder so veröffentlicht wird? Auch darüber habe ich lange nachgedacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, wenn mein Kind auf diese Art sterben würde, weil meine Familie auf einer verzweifelten Flucht keinen legalen Weg hat nach Europa zukommen hatte, dann glaube ich, würde ich wollen, dass das Schicksal meines Kindes und auch ein solches Foto von der anderen Seite des Mittelmeeres zur Kenntnis genommen wird, jener Seite, die mir keinen legalen Weg gegeben hat, nach Europa zu kommen. Jene Seite, die nicht verstanden hat, wie groß der Grad der Verzweiflung auf meiner Seite ist. Jene Seite, die mir keine andere Möglichkeit gegeben hat, als mich auf ein klapperiges Boot und in die Hände von kriminellen und skrupellosen Schleppern zu begeben. Vielleicht hätte ich die Hoffnung, dass dieses Bild etwas bewirkt und mein Kind nicht einen vollkommen sinnlosen Tod gestorben ist.“

Bilder können grausam sein. Ihrer Macht ist sich schwer zu entziehen. Sie verstecken sich nicht hinter Worten, hinter abstrakten Begriffen und Zahlen. Die Wahrheit, die wir darin sehen, geht in die Tiefe, ohne Umweg. Es gibt kein Entkommen vor dieser Wahrheit. Denn wir müssen erkennen, dass wir gleich sind. Es könnten unsere Kinder sein. Unser Schmerz und unser Tod. Wir sind zur Menschlichkeit verpflichtet. Zum respektvollen Umgang miteinander. Also schauen wir in den Spiegel. Und nehmen wir diese Aufgabe an.

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